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“Wir Menschen behandeln das Meer nicht als ein lebendiges Ökosystem, sondern als ein weiteres Wegwerfprodukt”

Veröffentlicht 18.09.2024

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“Wir Menschen behandeln das Meer nicht als ein lebendiges Ökosystem, sondern als ein weiteres Wegwerfprodukt”

Antonio Martínez Beneyto (Madrid, 1968) ist Journalist, Kommunikationsberater und leidenschaftlicher Meeresliebhaber. Seit sechs Jahren organisiert er das Foro Marino, eine Plattform für Reflexion und Debatte über die Herausforderungen des Meeresschutzes auf den Balearen. Die Stiftung Marilles gehört zu den Initiatoren dieser Veranstaltung, die in diesem Jahr ihre 6. Ausgabe feiert.

Wie ist das Foro Marino entstanden und welche Ziele verfolgt es?

Das Foro Marino entstand aus dem Engagement von drei Umweltorganisationen – Ibiza Preservation, der Stiftung Marilles und der Pacha Foundation – sowie zwei Unternehmensgruppen – Alonso Marí Group und OD Group – und der Vereinigung Vellmarí. Es wurde ins Leben gerufen, um den Schutz, die Wiederherstellung und die Regeneration des Mittelmeers in den Vordergrund zu rücken – in einer Gesellschaft, die das Meer oft aus den Augen verliert.

Sechs Jahre später diskutieren wir über Gesetzgebung, Wissenschaft, Bildung, Tourismus, Wirtschaft und Biodiversität, um nur einige Themen zu nennen. Wir weisen weiterhin auf die Dringlichkeit hin, dass ins Meer geleitete Abwässer besser gereinigt werden müssen, sprechen über Kreislaufwirtschaft und die Notwendigkeit, Müll zu reduzieren. Unser Ziel ist es, ein umfassendes Bild der aktuellen Lage des Mittelmeers zu vermitteln.

Wie wird das Forum in diesem Jahr aussehen? Gibt es Neuheiten?

In diesem Jahr wird das Foro Marino erstmals auf allen vier Inseln vertreten sein. Wir wollen unsere Botschaft verstärken und haben nach fünf erfolgreichen Ausgaben beschlossen, nun weiter zu wachsen. Bisher waren Ibiza und Formentera die Gastgeber des Forums, aber unsere Arbeit wäre unvollständig, wenn wir Mallorca und Menorca nicht einbeziehen würden. Die Probleme des Mittelmeers sind im Süden der Balearen genauso gravierend wie im Norden. Es braucht effektiven Schutz, mehr Investitionen in die Wasseraufbereitung und ein Bewusstsein für die Belastungsgrenze unserer Inseln.

In diesem Sommer wurde intensiv über die Grenzen des Tourismus diskutiert. Wir haben Rekordtemperaturen im Mittelmeer gemessen, und die massive Präsenz von Booten im Meer rund um die Balearen war ein großes Thema. Was sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen für den Meeres- und Küstenschutz der Inseln?

Die größte Herausforderung besteht darin, ein Bewusstsein für den dringenden Schutz unserer Meere zu schaffen. Es ist schwer, über Regeneration zu sprechen, wenn es an grundlegender Schutzmaßnahmen fehlt. Die Menschen entnehmen dem Meer unkontrolliert Ressourcen, ohne ihm Zeit zur Erholung zu geben. Sie behandeln es nicht als ein Ökosystem voller Leben, sondern als ein Wegwerfprodukt. Und dazu kommt: Das Meer ist kostenlos, nicht wirtschaftlich bewertet und gehört niemandem.

Ist sich die Gesellschaft dessen bewusst?

Immer mehr Menschen sind sich der Problematik bewusst, aber viele verdrängen noch immer die Realität. Ich lebe seit zwanzig Jahren auf Ibiza und besuche die Balearen schon viel länger. Das Meer, das ich damals kannte, hat kaum noch etwas mit dem heutigen Meer zu tun. Die Strände, der Besucherzahlen, die Wassertemperaturen, die Verschmutzung – alles hat sich drastisch verändert. Das sehe ich, das siehst du, und das sehen viele andere Menschen. Doch leider sind wir kurzfristig denkende Wesen: Wir richten unser Handeln nach sofortigen Vorteilen und Gewinnen aus. Wenn es uns nicht gelingt, das aktuelle Modell zu ändern, werden die Balearen, die wir unseren Kindern hinterlassen, nur noch wenig mit dem Paradies zu tun haben, das unsere Generation vorgefunden hat. Wir haben unser natürliches Erbe sehr schlecht behandelt.

Manchmal scheint es, als würden Meeresschutzorganisationen nur die ohnehin schon „Überzeugten“ erreichen. Wie kann die Botschaft breiter vermittelt werden – insbesondere an junge Menschen?

Wir vom Foro Marino sind überzeugt, dass es entscheidend ist, Wissen zu verbreiten, Bewusstsein zu schaffen und das Thema in den gesellschaftlichen Diskurs zu rücken. Der Schutz der Umwelt, insbesondere der Meere, muss eine zentrale Rolle in den aktuellen und zukünftigen Debatten spielen. Verwaltung, Politik, Unternehmen, der dritte Sektor und jeder Einzelne müssen sich engagieren und für den notwendigen Wandel einsetzen.

Junge Menschen sind der Schlüssel zu diesem Wandel. Viele von ihnen sind sich der aktuellen Situation bewusst und sorgen sich um die Welt, die sie erben werden. Sie müssen aktiv mitgestalten. Deshalb organisieren wir seit fünf Jahren das Foro Futuro, ein eigenes Forum für junge Menschen, in dem sie über den Zustand des Mittelmeers nachdenken, diskutieren und ihre wirklich innovativen Ideen einbringen können.

Sylvia Earle sagte einmal, dass die Balearen ein weltweites Vorbild für den Meeresschutz sein könnten. Stimmen Sie zu?

Wenn wir uns wirklich engagieren, bin ich überzeugt, dass wir das schaffen können.

Wir haben das Wissen, die Ressourcen und den Willen, um die aktuelle Situation zu verbessern. Jetzt bleibt uns nur noch zu beweisen, dass wir gemeinsam in die gleiche Richtung rudern können.

Was ist Ihre persönliche Beziehung zum Meer?

Tiefer Respekt, Dankbarkeit für alles, was es uns gibt, und Demut, weil es mir immer wieder etwas Neues beibringt.

 

SCHNELLTEST FÜR MEERVERLIEBTE

Ein Buch: Die Möwe Jonathan von Richard Bach

Ein Motiv, das für Sie die Balearen verkörpert: Die Salinen von Ibiza bei Sonnenuntergang außerhalb der Saison: Meer, Sand, Wacholder und Aleppo-Kiefern

Ein Meeresbewohner: Der Oktupus, wegen seiner Fähigkeit, Lösungen für komplexe Situationen zu finden.

Eine inspirierende Person oder Organisation: Sylvia Earle als lebende Vertreterin der Pioniere des Umweltaktivismus.

Ein Strand: Cala Carbó.

Optimist, Pessimist oder Realist: Auf dem Weg, ein realistischer Optimist zu werden – sehr bemüht, nicht in den Pessimismus abzurutschen.